Drei Perspektiven
Dr. Philipp Teubner – Die Praxis der KI-Einführung in größeren internationalen Teams.
Jochen Hahn – Die Chancen der Organisationsentwicklung durch KI-Einführung.
Sebastian Quirmbach – Die Chancen der KI-Transformation für Strategie, Zusammenarbeit und Menschen
Alle sprechen von KI-Transformation, was verbindet ihr mit dem Begriff?
Philipp Teubner: Ich denke KI-Transformation vom Ergebnis her. KI-Transformation hat dann erfolgreich stattgefunden, wenn ein Unternehmen eine Vielzahl automatisierter Prozesse hat, die vorher nie denkbar gewesen wären. Oder wenn es innovative Produkte und Dienstleistungen anbietet, für deren Entwicklung und Bereitstellung KI entscheidend war. Oder vielleicht besonders spannend: Entscheidungen werden künftig stärker datenunterstützt erfolgen, wobei menschliche Erfahrung mit durch KI aufbereiteten Informationen kombiniert wird.
Jochen Hahn: Für mich ist KI-Transformation ein Projekt der Unternehmensentwicklung, denn Prozesse, Rollen und Machtgefüge verändern sich durch die mächtigen Werkzeuge der KI. Die Buchstaben TOM zeigen diese drei Perspektiven: Technik, Organisation, Mensch. Und Menschen brauchen in diesem Prozess Information, Partizipation und Qualifikation, damit sie sich aktiv beteiligten und die Organisation die Transformation auch umsetzen kann.
Sebastian Quirmbach: Aus meiner Perspektive öffnet die Welt der künstlichen Intelligenz ganz neue Wege, um Ideen zum Leben zu bringen. Eine einzelne Person kann mit KI-Agenten ein ganzes Startup aufbauen. Ein Unternehmen kann neue Strategien verwirklichen und sowohl die gesamte Wertschöpfungskette als auch alle unterstützenden Bereiche neu denken.
Warum unterscheidet ihr die drei KI-Elemente Cut, Create und Decision Making?
Philipp Teubner: Weil sie bei der Auswahl von Use Cases (KI Anwendungsfällen) Orientierung bietet: die Zielsetzung „Cut“ befreit Mitarbeiter von lästigen Routineaufgaben und verbessert die Prozessqualität, steigert die Produktivität und spart Kosten.
Bei „Create“ liegt der Fokus auf neuen Dienstleistungen und Produkten, die erst durch KI möglich werden. Hier liegt Potenzial für neuen Kund*innen und neue Märkte.
„Augmented Decision Making“ ist zur Unterstützung von Expertenentscheidungen enorm wertvoll.
Jochen Hahn: Besonders bei “Cut” sind natürlich Sorgen von Mitarbeitenden angemessen, die befürchten, dass KI ihre Aufgaben übernehmen könnte...
Sebastian Quirmbach: ...idealerweise würde sich die Organisation dann so entwickeln, dass diese Menschen in neue Aufgaben hineinwachsen, mit einer eigenen, persönlichen agentischen Wertschöpfungskette. Ich weiß, dass ich hier sehr optimistisch denke – aber die Chancen sind enorm.
Liegen die Chancen also hauptsächlich bei agentischer KI?
Philipp Teubner: Absolut, der Mehrwert besteht genau darin, dass agentische KI ganze Arbeitsschritte ausführen kann und dabei mit anderen Workflows zusammenspielt.
Für mich ist KI allgemein ein extrem leistungsstarker Motor, aber eine noch ungerichtete Kraft. Erst mit agentischer KI gebe ich diesem Motor strategische Richtung für konkrete Unternehmensziele, Handhabbarkeit für Mitarbeitende, aufgabenspezifische Zielgenauigkeit.
Jochen Hahn: Ich sehe es genauso: Agentische KI wird nach und nach Aufgaben übernehmen, die Hand in Hand mit menschlichen Arbeitsschritten zusammenspielen. Dabei ist es auch jetzt schon denkbar, dass KI sogar gewisse Führungsaufgaben übernimmt und sich die Rollen hier in gewisser Weise umkehren.
Sebastian Quirmbach: Aus menschlicher Sicht ist das natürlich hochgradig spannend, wenn KI-Agenten als Kollege oder als Führungskraft agieren. Hier müssen wir aufpassen, dass wir Maschinen nicht allzu menschliche Attribute zuschreiben. Das sogenannte Anthropomorphisieren (Vermenschlichen) von KI wirft schon jetzt tiefgreifende gesellschaftliche, philosophische und juristische Fragen auf. KI muss unser Werkzeug bleiben, nicht umgekehrt.
Stellen wir uns vor, dass eine Organisation beim Thema agentische KI ganz am Anfang steht. Wie sollte ein Unternehmen konkret loslegen?
Jochen Hahn: Auf jeden Fall sollte die Organisation als Ganzes von Anfang an mitgedacht werden. Das kann auch bei ersten Pilotprojekten sinnvoll sein. Denn nur, wer die Strukturen und Abläufe berücksichtigt, wird sie später nutzen können - ansonsten kämpft die KI-Transformationen gegen bestehende Strukturen. Das wird schiefgehen.
Philipp Teubner: Zu Beginn gibt es natürlich auch rein technische Fragen zu klären: Haben Mitarbeiter, oder zumindest relevante Teile der Mitarbeiter Zugang zu geschützten Bereichen, in denen sie mit agentischer KI beginnen können? Welche Spielregeln gelten? Welche Modelle sind erlabut? Auf welche Daten darf zurückgegriffen werden? Insbesondere die ersten beiden Fragen sollten schnell und pragmatisch entschieden werden. Kein Unternehmen kann es sich leisten, dies über Monate ergebnislos zu diskutieren.
An zweiter Stelle kommt der Aspekte der KI Befähigung, also der Qualifikation. Das sollte durchaus parallel erfolgen. Es bietet sich eine Mischung zwischen allgemeinen KI Schulungen für die Mitarbeiterschaft allgemein und spezialisierte Schulungen für die besonders in KI Projekte involvierte Mitarbeiter an.
Sebastian Quirmbach: Für mich steht die Strategie im Zentrum – am besten mit Blick auf das Kundenerlebnis. Wie kann von Anfang an, ein Mehrwert für den Kunden entstehen? Sei es durch schnellere Reaktionszeiten, individuellere Betreuung oder durch maßgeschneiderte Produkte und Dienstleistungen. Hier können Unternehmen, Selbstständige und Fachexpert*innen sich strategisch hervorheben.
Und gibt es auch eine Falle, die man unbedingt vermeiden sollte?
Sebastian Quirmbach: Aus strategischer Sicht ist Nichtstun der größte Fehler für Unternehmen und für Mitarbeitende. Wir erleben die schnellste und tiefgreifendste Veränderung der Arbeitswelt. Fachwissen und Fähigkeiten im Umgang mit KI werden in den nächsten Jahren für jeden Arbeitsplatz und jedes Unternehmen überlebenswichtig sein.
Philipp Teubner: Einer der größten Fehler bei der Anwendung von KI ganz allgemein ist, mit der Technologie selbst zu beginnen. Also zu sagen: „Wir haben ein Modell, wir haben tolle Daten oder wir haben einen Algorithmus.“ Und sich dann zu fragen, was man damit macht: „Wo können wir es nun einsetzen?“
KI sollte nicht mit dem Modell beginnen, sondern mit der Entscheidung: „Welches Problem wollen wir lösen? Welche Entscheidungsprozesse wollen wir beschleunigen und verbessern? Von welchen innovativen Produkten träumen unsere Kunden? Das sind unglaublich spannende Fragen…
Jochen Hahn: Es wäre ein Fehler, wenn einige wenige KI-Enthusiasten den Rest des Unternehmens abhängen. Damit KI funktioniert braucht es an jeder Stelle der Organisation ein neues Bewusstsein und einen gemeinsamen Austausch darüber. Im besten Fall auch neue Rollen: Vom Chief AI-Officer im Vorstand über Heads of AI in jedem Bereich und KI-Botschafter in jedem Team. So haben Organisationen eine reale Chance nicht nur Effizienz und Strategie zu entwickeln, sondern eine innovative Kultur zu gestalten.
Dr. Philipp Teubner, MBA, ist Anästhesist, Intensivmediziner und leidenschaftlicher Notarzt. Er arbeitet in einem Team von über 60 spezialisierten Ärzten und Krankenpflegern, die die medizinische Rückholung von schwerstkranken und schwerstverletzten Patienten aus aller Welt organisieren und begleiten. Er war zudem im Klinikmanagement und in der Krankenhaus-Beratung tätig. Neben seiner Tätigkeit als Arzt entwickelt Philipp für sein Team agentische KI-Systeme mit dem Ziel, hochkomplexe medizinische Daten zu verarbeiten oder komplizierte Entscheidungsfindungen zu erleichtern. Philipp lebt mit seiner Familie in Paris.