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Der Coaching-Trichter

Der Coaching-Trichter: Modell zur Entwicklung von Coaches von Wahrnehmung über Haltung und Wissen bis Können.

Vier Entwicklungsebenen, für den kontinuierlichen Verbesserungsprozess von Coaches

Coaching ist äußerst komplex. Du sitzt einem Menschen gegenüber, der von Zielen, Problemen und Hindernissen erzählt, von Menschen, die Teil des Problems oder Teil der Lösung sind, von vergangenen Erfahrungen und von einer Zukunft, die besser, aber auf keinen Fall schlechter werden soll.

Du versuchst, alles zu verstehen und zu beobachten, das Wichtigste mitzuschreiben, auf die Mimik zu achten, eine gute Beziehung aufzubauen und gleichzeitig eine sinnvolle nächste Frage auszudenken. Erfahrene Coaches bilden währenddessen auf den Ebenen Verhaltensdiagnostik, Beziehungsdiagnostik, phänomenologische Diagnostik und biografische Diagnostik Hypothesen.

Kann man lernen, in diese Flut von Informationen klare Strukturen zu bringen? Und wie?

Ja, das kann man lernen, und dieser Lernprozess braucht Zeit. Der Coaching-Trichter bietet eine klare und hilfreiche Struktur für diesen Prozess und beschleunigt die Entwicklung bewusster Kompetenzen auf vier Ebenen: Wahrnehmung, Haltung, Wissen und Können. Einen Überblick über den Coaching-Trichter findest du auch in dieser Webinar-Aufzeichnung: Der Coaching-Trichter (Coaching Nugget)  

1. Wahrnehmung: Der erste Zugang zum Erleben deines Coachees

Das Entwicklungsziel auf dieser Ebene ist eine hyperfokussierte, hochtrainierte und absolut achtsame Wahrnehmung.

Berufseinsteiger*innen: Wahrnehmung schärfen und erste Signale deuten

Berufseinsteiger*innen werden vor allem den Inhalt und die Ziele erfassen und dabei auf Inkongruenzen in der Körpersprache und der Paraverbiklichkeit achten. Vielleicht behalten sie auch die Grammatik im Blick:

  • Mimik und Gestik: Zeigt jemand etwas als „groß“, indem er oder sie mit den Armen weit ausholt? Wird ein Thema durch körperliches Zurücklehnen oder eine geduckte Haltung klein gemacht?

  • Paraverbale Signale: Sprechtempo, Lautstärke, Betonungen oder Pausen geben oft Aufschluss über emotionale Zustände.

  • Metaphorische Sprache: Aussagen wie „Ich sitze in einem dunklen Loch“ oder „Das zieht sich wie Kaugummi“ deuten auf innere Konstrukte hin.

  • Pronomenwechsel: Ein Wechsel von „ich“ zu „man“ oder „du“ kann emotionale Distanz oder ein Bedürfnis nach Beziehung signalisieren.

  • Modalverben: Worte wie „muss“, „soll“, „will“ oder „kann“ geben Hinweise auf innere Antreiber, Ressourcen oder Blockaden.

Fortgeschrittene Coaches: Muster erkennen und systemisch denken

Fortgeschrittene Coaches werden möglicherweise Auf- und Abwertungsmuster wahrnehmen, logische Strukturen und Denkmuster von Glaubenssätzen erfassen und Hinweise auf systemische Wechselwirkungen notieren.

  • Auf- und Abwertungsmuster: …dücken sich womöglich in Bemerkungen aus wir: „War ja klar, dass ich das wieder in den Sand setze“ oder „Dir als Coach fällt das sicher ganz leicht.“

  • Denkmuster: …finden sich oft in Wenn-Dann Konstrukten. „Wenn das gut werden soll, muss ich natürlich auch alles geben.“ Oder „Wenn wir nicht aufpassen, wird es riskant.“

  • Systemische Wechselwirkung: „Wenn Gabi im Meeting ist, wird Klaus immer sehr still.“ Oder „Das Controlling macht unnötigen Druck aufs Marketing, sodass wir in der Produktentwicklung weniger Feedback von Kunden bekommen.“

Mastercoaches: Tiefer blicken und das Unsichtbare erfassen

Mastercoaches entwickeln mit der Zeit einen noch weiteren Blick für biografische Themen, Persönlichkeitsmuster sowie Phänomene der Übertragung und Gegenübertragung im Coaching.

  • Biografische Themen: Werden Geschwister, Eltern, Lehrer oder sonstige Orientierungs- oder Autoritätspersonen genannt? Berichten Coachees on ihrer Kindheit und Jugend sowie von prägenden Ereignissen? 

  • Persönlichkeitsmuster: Tritt der Coachee dominant auf? Erzählt er/sie viel? Berichtet er/sie häufig von Risiken? Interessiert er/sie sich für Theorien und Konzepte?

  • Übertragung und Gegenübertragung: Welche Interaktionen und Beziehungsmuster zeigen sich in der Zusammenarbeit, die sich nicht allein aus dieser erklären lassen?  

2. Haltung: Der innere Filter, der Halt und Orientierung gibt

Selbst die feinste Wahrnehmung bleibt ohne eine reflektierte innere Haltung wirkungslos. Haltung ist der Filter, durch den du alles erlebst. Darum ist Haltung im Coaching keine Frage des Zufalls, sondern eine bewusst erlernte und verinnerlichte Kompetenz.

Berufseinsteiger*innen : Lösungen im Blick

Berufseinsteiger*innen haben meist eine klare Haltung für Lösungs- und Ressourcenorientierung entwickelt. Sie fokussieren sich auf Ziele und einen klaren Umgang mit Restriktionen.

  • Lösungsorientierung: Wir können gerne über das Problem sprechen, solange wir daraus wichtige Erkenntnisse für die Lösung gewinnen.

  • Ressourcenorientierung: Jede*r Coachee bringt bereits alle Kompetenzen mit, um selbstwirksam Lösungen zu entwickeln.

  • Zielfokus: Orientierungsziele geben Richtung, SMART-Ziele strukturieren die nächsten Schritte.

Umgang mit Restriktionen: Hindernisse, die aktuell nicht verändert werden können, sind wichtige Rahmenbedingungen, die beachtet werden müssen. Gleichzeitig gibt es immer einen (inneren) Handlungsspielraum, der genutzt werden kann.

Fortgeschrittene Coaches: Stabilität und Reife

Fortgeschrittene Coaches haben in der Regel eine stabilere Haltung entwickelt, die es ihnen ermöglicht, mit stärkeren Gefühlen, Machtdynamiken und Konflikten umzugehen. Sie lassen sich also nicht so leicht aus der Bahn bringen. Die folgenden Beispiele zeigen mögliche innere Überzeugungen von fortgeschrittenen Coaches

  • Stärkere Gefühle: Jedes Gefühl darf sich zeigen, bekommt den nötigen Raum und hat eine wichtige Funktion, die wertschätzend genutzt werden kann.

  • Machtdynamiken: Macht gehört in Unternehmen dazu – sie steht für die Möglichkeit, Dinge umzusetzen. Ich fühle mich nicht klein, nur weil andere groß wirken.

  • Konflikte: Kein Team, keine Familie, keine Freundschaft kommt ohne sie aus. Erst durch Unterschiedlichkeit kann auch Synergie entstehen. Es braucht nur den konstruktiven Umgang damit.  

Mastercoaches: Tiefe, Schutz und Konfrontation

Mastercoaches entwickeln in ihrer Haltung mit der Zeit häufig noch eine weitere, supervisorische Dimension für „das, was sich sonst noch zeigen möchte.“ Zudem schärfen sie ihr Verständnis für die Themen hinter den Themen und schaffen einen ausreichenden Schutz, um angemessen konfrontieren zu können.

  • Supervisorische Haltung: „Du bist ok, so wie du bist. Mit deinen Sorgen, deinen Unzufriedenheiten, den begangenen Fehlern sowie deinen Wünschen, Hoffnungen und Ansprüchen an dich selbst. All das darf sein, darf sich zeigen. Deine Zweifel und tieferen Gedanken sind hier willkommen.“ Durch diese Haltung wird Veränderungsarbeit auch auf tieferen persönlichen Ebenen möglich.

  • Themen hinter den Themen: Eine klare Haltung zu den Themen hinter den Themen bedeutet, den Menschen ganzheitlicher zu betrachten. So besteht die Chance, nicht nur das Symptom, sondern auch dessen tiefere Ursache zu bearbeiten.

  • Schutz und Konfrontation werden durch die klare innere Haltung ermöglicht. Sowohl der Coachee als auch ich als Coach verfügen über inneren Schutz und innere Stärke. Dadurch ist es möglich, heikle Themen anzusprechen und klar zu konfrontieren, die Coachees ansonsten gerne vermeiden und verdrängen.

3. Wissen: Struktur für dein professionelles Handeln

Auf der dritten Stufe des Coaching-Trichters wird alles Wahrgenommene entsprechend der Haltung verarbeitet und mit Modellen, Theorien und Fachwissen abgeglichen.

Mit der Zeit legen sich Coaches einen Wissensschatz von Dutzenden und später vielleicht Hunderten Modellen zu, mit denen sie schnell und zielorientiert Hypothesen bilden können..

Die Bedeutung von Fachwissen im Coachingprozess

Modelle wie die Phasen der Change-Kurve helfen dabei, Hypothesen darüber zu bilden, ob ein Coachee aktuell noch seine Emotionen verarbeitet oder bereits bereit ist, neue Lösungen auszuprobieren. Modelle zur Konfliktentwicklung wie die Konfliktstufen nach Glasl sind hilfreich, um Deeskalationsstrategien zu entwickeln. Modelle über innere Dynamiken, wie die Antreiber oder das Drama-Dreieck aus der Transaktionsanalyse, können innere Muster aufdecken und Coachees dabei helfen, sich selbst besser zu verstehen und ihr Selbstmanagement zu verbessern.

Entwicklung der Wissensbasis mit wachsender Erfahrung

Berufseinsteiger*innen bringen nach einer soliden Ausbildung in der Regeln genügend Fachwissen mit, um klare Hypothesen zu bilden und die Entwicklung ihrer Coachees zu begleiten.

Fortgeschrittene Coaches haben häufig vertieftes Wissen und eine Spezialisierung aufgebaut, zum Beispiel für Coaching von Führungskräften, Coaching für den Karrierewechsel, Coaching in Familienunternehmen und ähnliches.

Mastercoaches haben ihre Spezialisierung häufig noch klarer vertieft und verfügen im Idealfall zusätzlich über ein breiteres Fachwissen zur Persönlichkeitsentwicklung.

Wissen wächst durch Erfahrung, aber nicht von allein. Professionelle Coaches verstehen die Bedeutung des lebenslangen Lernens und bilden sich auch bis ins hohe Alter weiter.

4. Können: Wenn aus Wissen Handlung wird

Die besten Hypothesen bleiben wirkungslos, wenn sie nicht methodisch sinnvoll umgesetzt werden.

Können bedeutet: Die richtige Methode im richtigen Moment. Können bedeutet nicht, möglichst viele Tools im Koffer zu haben. Es bedeutet vielmehr, im passenden Moment eine hilfreiche Methode klar anzubieten. Manchmal ist das eine kraftvolle Frage. Manchmal ist es das bewusste Aushalten von Stille. Und manchmal ist es der Einsatz einer Intervention, die einen Perspektivwechsel ermöglicht.

Entwicklung des methodischen Handelns

Berufseinsteiger*innen können auf unzählige Bücher und Methodensammlungen zurückgreifen. Oft benötigen sie in der Vorbereitung Zeit zum Planen und müssen sich während der Durchführung an die Prozessschritte halten, erzielen damit aber auch gute Ergebnis

Fortgeschrittene Coaches verfügen über eine hohe Methodensicherheit. Sie gehen methodisch vor, während sie weiterhin die Beziehung gestalten und ihre Coachees aufmerksam beobachten. Die Methode selbst läuft dabei fast wie von allein.

Mastercoaches haben in der Regel genügend Erfahrung und methodische Sicherheit, um auch ganz spontan neue Methoden zu entwickeln oder bekannte Methoden zu kombinieren. Dadurch erreichen sie im Idealfall eine besonders hohe Wirksamkeit und lernen selbst kontinuierlich Neues dazu.

Fazit: Der Coaching-Trichter als Wegweiser für professionelle Entwicklung im Coaching

Ich habe den Coaching-Trichter gemeinsam mit Sebastian Grab entwickelt, um ein Prozessverständnis für die innere Entwicklung von Coaches zu schaffen.

Er beginnt mit den Themen Wahrnehmung und Haltung, da der Fokus lernender Coaches oft eher auf Fachwissen und ihrem Methodenkoffer liegt. Erst die achtsame Wahrnehmung und die klare Haltung machen jedoch aus Modellen und Methoden echtes Coaching. Sie unterscheiden professionelle Veränderungsarbeit von purem Aktionismus.

Wenn du diese vier Ebenen – Wahrnehmung, Haltung, Wissen und Können – bewusst entwickelst, gewinnst du an Tiefe, Klarheit und Sicherheit. Du wirst flexibler in der Methode und zugleich stabiler im Auftreten. Vor allem kannst du deinen Coachees genau

Sebastian Quirmbach
Geschäftsführer | Business Coach | Ausbildungsleiter

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