Wenn ein Dream-Team plötzlich nicht mehr harmonisch wirkt, ist das oft die Chance zum nächsten großen Entwicklungsschritt. Die gefühlte Harmonie vieler Teams beruht auf Konfliktvermeidung, nicht auf Reife. Solange alles gut läuft, merkt man es nicht. Erst wenn der Druck zunimmt, fällt die Fassade der Scheinharmonie. Dadurch wird der Weg frei zu echter, erwachsener Zusammenarbeit.
Der Fall: Steve erlebt eine Entzauberung
Steve war lange überzeugt, in einem „Dreamteam" zu arbeiten — reibungslos, einig, vermeintlich auf höchstem Reifegrad. In der vorangegangenen Coaching-Session hatte er sein systemisches Verständnis geschärft und begriffen, welche Wechselwirkungen Veränderungsprozesse in sozialen Systemen auslösen. Die Veränderung bringt nun das Team unter Druck und Steve erkennt: Die scheinbare Harmonie entpuppt sich als brüchig. Er erlebt eine Entzauberung — Spannungen, die vorher unsichtbar blieben, treten zutage. Ins Coaching kommt er ernüchtert und sagt: „Ich dachte, wir wären das beste Team der Welt." Hinter der Enttäuschung steckt eine offene Frage nach dem, was jetzt kommt.
Warum ist die Entzauberung eines Teams kein Scheitern — sondern die Voraussetzung für echte Reife?
Das Modell von Bennis & Shepard ergänzt die bekannte Phasenlogik von Tuckman um eine entscheidende Tiefendimension: Es beschreibt Gruppenentwicklung als Bewegung durch zwei große Spannungsfelder. Zunächst ringt ein Team mit der Frage der Abhängigkeit — wie viel Orientierung an Autorität, Führung und impliziten Regeln braucht es, und wann löst es sich davon? Eine Gruppe, die diese Phase noch nicht durchlaufen hat, wirkt oft auffällig harmonisch. Diese Harmonie ist jedoch häufig eine Vermeidungsleistung: Konflikte werden nicht ausgetragen, weil das Team sich noch nicht zutraut, Reibung auszuhalten.
Was Steve als „Dreamteam" erlebte, lässt sich mit diesem Modell neu deuten. Die Entzauberung markiert den Übergang in das zweite Spannungsfeld — die Frage der Interdependenz: Wie nah, wie ehrlich, wie wechselseitig verantwortlich kann ein Team werden? Wenn die idealisierte Einigkeit zerbricht, entsteht Raum für echte Auseinandersetzung, klare Positionen und konstruktive Konfrontation der Perspektiven. Genau hier liegt der eigentliche Reifegrad: wo vorher Scheinharmonie war entsteht nun die erwachsenen Fähigkeit, Differenz produktiv zu machen.
Die Coaching-Arbeit startet mit diesem Reframing: Steves Ernüchterung wird erhält neue Bedeutung Verlust zum Türöffner zur nächsten Entwicklungsstufe. Das Modell gibt ihm eine Landkarte, auf der die aktuelle Krise eine sinnvolle Position hat. Die Aufgabe verschiebt sich von „Harmonie wiederherstellen" zu „die nächste Entwicklungsstufe ermöglichen".