Körpereinsatz mit Wirkung: Was ist Problemlösegymnastik?
Die Problemlösegymnastik nach Gunther Schmidt ist eine schnelle und direkte Methode, die sowohl durch das „Vorturnen“ von Coach, Führungskraft, Moderator*in oder Trainer*in als auch durch das „Selbermachen“ von Coachee, Mitarbeitenden oder Teilnehmenden funktioniert. Die bewusste Veränderung der Körperhaltung („Uff!“ vs. „Yay!“) wirkt sich unmittelbar auf den emotionalen Zustand aus. Dieses Prinzip wird beispielsweise auch im Powerposing (Amy Cuddy) und in der Wunschelementetechnik (Maja Storch) genutzt.
Methodisch kann die Problemlösegymnastik bei gutem Rapport auch ohne Erklärung durch reines Vormachen (Leading / You go first) sehr wirksam genutzt werden. Oft ist es für Coachees auch sehr hilfreich die Methode bewusst anzuwenden, beispielsweise auch als Transferaufgabe.
Die Methode – Warum Worte oft nicht reichen
Menschliches Denken und Fühlen findet immer auf unterschiedlichsten Ebenen im Gehirn statt. Je tiefer, emotionaler und intuitiver die Inhalte dieser Denk- und Fühlprozesse sind, desto weniger klar lassen sie sich in Worte fassen oder durch Worte allein verändern.
Wirkprinzip: Körper und Gehirn im Dialog
Die Problemlösegymnastik nach Gunther Schmidt ist eine körperorientierte, schnell wirksame Methode, um den emotionalen Zustand zu verändern, Ressourcen zu aktivieren, den Fokus zu stärken und sich insgesamt dem Kontext angemessen zu fühlen. Sie eignet sich bestens für Coaches, Führungskräfte, Moderator*innen und Trainer*innen, die in ihren Settings festgefahrene emotionale oder mentale Zustände aufbrechen und neue Energie freisetzen möchten.
Aus hypnosystemischer Sicht entsteht die Wirksamkeit durch die neuronalen Netzwerke, die zwischen Körper und limbischen Ebenen im Gehirn gebahnt sind. „Wie man geht, so geht es einem“ ist einer der häufig wiederholten Sätze von Gunther Schmidt in diesem Zusammenhang.
Verwandte Konzepte: Embodiment und Power Posing
Ähnliche Ansätze finden sich auch im Embodiment (Maja Storch) und dem Power-Posing (Presence: Bring Your Boldest Self to Your Biggest Challenges (Amy Cuddy 2015). Die Betonung liegt dabei auf dem unmittelbaren Einfluss von Körperhaltung und Bewegung auf mentale und emotionale Zustände.
So funktioniert die Methode in der Praxis
In der praktischen Anwendung startet die Methode mit der Beobachtung von Hinweisen auf den Zusammenhang zwischen Stimmung und Körperhaltung bei sich selbst oder anderen. Im nächsten Schritt können dann die Auswirkungen von Veränderungen in der Körperhaltung wahrgenommen werden. Die folgenden Beispiele sollen eine Idee für MÖGLICHE Elemente geben. Wichtig ist jedoch, dass diese Elemente immer individuell erlebt werden und nicht ohne Weiteres von einer Person auf die nächste übertragbar sind.
1. Kraftlos vs. Energetisch
| Element | Kraftlos | Energetisch |
|---|---|---|
| Körperhaltung | Schultern hängen herab, Rücken gebeugt, Kopf gesenkt | Aufrechte Haltung, Brustbein leicht angehoben, Blick geradeaus |
| Bewegung | Langsame, schleppende Bewegungen | Federnde, zielgerichtete Bewegungen |
| Atmung | Flach, eher in die Brust, kaum wahrnehmbar | Tief, rhythmisch, aktivierend (z. B. in den Bauch) |
2. Gelangweilt vs. Interessiert
| Element | Gelangweilt | Interessiert |
|---|---|---|
| Körperhaltung | Körper sinkt in sich zusammen, Kopf gestützt oder zur Seite geneigt | Neutrale bis leicht nach vorn gelehnte Haltung, offene Brust, Blick wach |
| Bewegung | Träge, wenig Bewegung, monotone Gesten | Lebendige Gestik, kleine zustimmende Bewegungen (z. B. Nicken) |
| Atmung | Langsam, seufzend oder gähnend | Lebendig, gleichmäßig, manchmal etwas beschleunigt vor Spannung |
3. Ängstlich vs. Zuversichtlich
| Element | Ängstlich | Zuversichtlich |
|---|---|---|
| Körperhaltung | Zusammengezogen, Schultern nach vorn, Arme eng am Körper, Blick nach unten | Aufrechte, expansive Haltung, Arme ggf. geöffnet, Blick nach vorne |
| Bewegung | Zögerlich, zurückweichend, vermeidend | Klar, zielgerichtet, in Bewegung gehend |
| Atmung | Schnell, flach, evtl. stockend | Tief, gleichmäßig, stabilisierend |
Praktische Tipps zur Umsetzung im Coaching
Rahmen klären: Vorab klären, ob körperliche Übungen für den/die Coachee passend und stimmig sind – ggf. sensibel einleiten.
Vorleben statt erklären: Die Methode funktioniert oft am besten über das Prinzip „You go first“ – also durch aktives Vormachen.
Bewegung übertreiben: Überzeichnetes „Vorturnen“ (z. B. bewusst übertriebene „Yay!“-Haltung) hilft, den Effekt deutlich spürbar zu machen.
Kontraste nutzen: Gegensätze wie „kraftlos vs. energetisch“ bewusst nacheinander durchspielen lassen, um Unterschiede erlebbar zu machen.
Körpersprache spiegeln: Bewegungen des/der Coachee aufnehmen und gezielt variieren/spiegeln, um Bewusstheit zu fördern.
Mit Atmung koppeln: Bewusstes Atmen einbauen – z. B. „Einatmen in die Kraft“, „Ausatmen in die Entspannung“.
Transfer fördern: Übung als Mini-Ritual für den Alltag vorschlagen, z. B. vor wichtigen Meetings oder schwierigen Gesprächen.
Kreativ einsetzen: Übung kann auch humorvoll, spielerisch oder mit Musik durchgeführt werden – je nach Setting und Zielgruppe.
Reflexion einbauen: Nach der Übung bewusst innehalten: „Was hast du gespürt?“, „Was hat sich verändert?“
Skalieren: Je nach Bedarf im Stehen, Sitzen oder sogar in Mini-Varianten am Schreibtisch durchfĂĽhrbar.
Quellen und weiterfĂĽhrende Informationen
Gunther Schmidt, der BegrĂĽnder der Hypnosystemik, bietet auf seiner Website einen ersten Einblick und durch Blogbeiträge vertiefende GedankenÂ
Amy Cuddy – Presence: Bring Your Boldest Self to Your Biggest Challenges (Körperhaltung, Embodiment, Ausdruck)
Gerhard Roth & Alica Ryba – Coaching, Beratung und Gehirn – Neurobiologische Grundlagen wirksamer Veränderungskonzepte (2016)
Gerhard Roth & Alica Ryba – Coaching und Beratung in der Praxis – Ein neurowissenschaftlich fundiertes Integrationsmodell (2019) (Praxisbezug, integratives Modell)