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Teamentwicklung

Bewusste Kompetenzentwicklung: Lernphasen in der Moderation

Das Modell der bewussten Kompetenzentwicklung beschreibt vier Phasen, die beim Erlernen einer Fähigkeit durchlaufen werden. Es hilft dir, Lernbedarfe differenzierter zu betrachten, Unterstützung passgenau zu gestalten und deine eigene Moderationspraxis zu reflektieren.

Teilnehmende sitzen im Kreis, Coaching-Methodenkarten und Modelle liegen auf dem Boden – gemeinsames Arbeiten an Konzepten und Prozessen.

Was ist das Modell der bewussten Kompetenzentwicklung? 

Das Lernmodell beschreibt den Weg von einer zunächst nicht erkannten Kompetenzlücke bis zur routinierten Anwendung einer erworbenen Fähigkeit. Es unterscheidet dabei vier Phasen: unbewusste Inkompetenz, bewusste Inkompetenz, bewusste Kompetenz und unbewusste Kompetenz. 

Die Phasen sind ein Orientierungsrahmen, jedoch keine objektive Diagnose. Lernprozesse verlaufen nicht immer linear. Menschen können zwischen Phasen wechseln, bereits entwickelte Fähigkeiten in neuen Situationen wieder sehr bewusst einsetzen müssen oder bei unterschiedlichen Kompetenzen gleichzeitig an verschiedenen Punkten stehen. 

Die vier Phasen der Kompetenzentwicklung 

Phase 1: Unbewusste Inkompetenz 

In dieser Phase ist sich eine Person noch nicht darüber bewusst, dass ihr Wissen oder eine Fähigkeit fehlt. Dadurch kann sie die Anforderungen einer Situation oder die Wirkung des eigenen Handelns nur eingeschränkt einschätzen. Der erste Entwicklungsschritt besteht deshalb darin, die Kompetenzlücke wahrzunehmen. Dazu können Feedback, Beobachtung und Reflexion beitragen. 

Diese Phase ist jedoch nicht automatisch mit dem Dunning-Kruger-Effekt gleichzusetzen. Dieser Effekt kann bei fehlender Kompetenz auftreten, bezeichnet aber ein spezifischeres Phänomen der fehlerhaften Selbsteinschätzung. 

Phase 2: Bewusste Inkompetenz 

Die Person erkennt, was sie noch nicht kann oder weiß. Diese Einsicht kann Frustration, Unsicherheit oder Scham auslösen. Sie kann aber auch Neugier und Lernbereitschaft fördern. In dieser Phase sind ein überschaubares Lernziel, konkrete nächste Schritte und ein Rahmen, in dem Fehler als Teil des Lernprozesses behandelt werden, hilfreich. 

Phase 3: Bewusste Kompetenz 

Die neue Fähigkeit ist zwar vorhanden, ihre Anwendung erfordert jedoch noch Aufmerksamkeit und Konzentration. Die Person orientiert sich dabei möglicherweise an Regeln, Leitfragen oder einem vorbereiteten Ablauf. Wiederholung, Feedback und die Anwendung in unterschiedlichen Situationen helfen dabei, sicherer zu werden. 

Phase 4: Unbewusste Kompetenz 

Die Fähigkeit wird weitgehend routiniert und ohne bewusste Steuerung eingesetzt. Das schafft Sicherheit und entlastet die Aufmerksamkeit. Routine ist jedoch nicht in jeder Situation ausreichend: Bei neuen Anforderungen oder veränderten Rahmenbedingungen kann es sinnvoll sein, das eigene Vorgehen wieder bewusst zu prüfen. 

Wofür eignet sich das Lernmodell in der Moderation? 

Das Modell eignet sich vor allem zur Selbstreflexion von Moderator*innen sowie für Trainings- und Coachingprozesse. Es hilft dir, eine konkrete Fähigkeit einzuordnen und den nächsten passenden Lernschritt abzuleiten. Auch bei der Vorbereitung einer Gruppenarbeit kann es als Denkrahmen dienen. Welche Fähigkeiten setzt die Aufgabe voraus und wie viel Anleitung wird die Gruppe voraussichtlich benötigen? 

Dabei solltest du Gruppen oder einzelne Teilnehmende nicht pauschal einer Kompetenzphase zuordnen. Beobachtbares Verhalten kann viele Ursachen haben. Unstrukturierte Ergebnisse können beispielsweise auf fehlende methodische Erfahrung hinweisen, aber auch auf eine unklare Aufgabe, Zeitdruck, Konflikte oder mangelnde Entscheidungsspielräume. 

Unterstützung an die Lernphase anpassen 

Wenn eine Kompetenzlücke noch nicht wahrgenommen wird, kann eine konkrete Rückmeldung hilfreicher sein als eine umfangreiche Anleitung. Zeige das beobachtbare Verhalten und seine Wirkung auf, ohne die Person oder Gruppe abzuwerten. In der Phase der bewussten Inkompetenz stehen Orientierung, Ermutigung und kleine, erreichbare Lernschritte im Vordergrund. 

Bei bewusster Kompetenz braucht es vor allem Gelegenheiten zum Üben. Leitfäden, Hospitationen, Rollenspiele oder kleinere Moderationsaufträge können dabei helfen, Sicherheit aufzubauen. Ist eine Fähigkeit bereits zur Routine geworden, lohnt es sich, gelegentlich zu reflektieren, damit eingeübte Muster nicht unbemerkt unpassend werden. 

Die Unterstützung sollte sich deshalb nicht allein an einer vermuteten Phase orientieren. Entscheidend sind die konkrete Fähigkeit, die Aufgabe, die Situation und die Bedürfnisse der Beteiligten. 

Die eigene Moderationskompetenz reflektieren 

Für deine persönliche Reflexion solltest du am besten eine konkrete Moderationskompetenz wählen, beispielsweise den Umgang mit Konflikten, das Formulieren von Arbeitsaufträgen oder das Steuern von Diskussionen. Ein Notizbuch genügt, ein fester Zeitrahmen ist nicht erforderlich..

Diese Fragen können dir helfen: 

  • Wo stoße ich wiederholt an Grenzen, ohne die Ursache genau zu verstehen? 

  • Was gelingt mir nur, wenn ich mich bewusst konzentriere oder mich an einen Ablauf halte? 

  • Was gelingt mir inzwischen selbstverständlich, und welches Feedback erhalte ich dazu? 

  • Welches Feedback aus der letzten Zeit beschäftigt mich noch, und worauf könnte es hinweisen? 

Ordne deine Beobachtungen anschließend vorsichtig den vier Phasen zu. Formuliere daraus ein konkretes Entwicklungsziel und einen nächsten Schritt. Die Einordnung ist eine Arbeitshypothese und sollte durch Feedback oder weitere Beobachtungen überprüft werden. 

Typische Stolpersteine bei der Kompetenzentwicklung 

Feedback löst Abwehr aus 

Wenn eine Kompetenzlücke noch nicht erkannt wird, kann direktes Feedback schnell als Angriff empfunden werden. Beschreibe deshalb konkretes Verhalten, Situation und Wirkung. Gib der Person oder Gruppe die Gelegenheit, die Beobachtung einzuordnen, anstatt ihr sofort eine Diagnose oder Lösung vorzugeben. 

Die bewusste Kompetenzlücke wird zu groß 

Wer plötzlich erkennt, wie viel noch zu lernen ist, kann sich überfordert fühlen. Ein zu großes oder unscharfes Lernziel verstärkt diese Reaktion. Zerlege die Kompetenz deshalb in überschaubare Teilfähigkeiten und vereinbare einen nächsten Schritt, der tatsächlich erprobt werden kann. 

Übung fehlt im Arbeitsalltag 

Eine verstandene Methode wird erst durch Anwendung zur belastbaren Kompetenz. Ohne passende Übungsgelegenheiten kann die Entwicklung stagnieren. Kleine Moderationsaufträge, Hospitationen, Rollenspiele und gezieltes Feedback unterstützen den Transfer. 

Routine wird mit allgemeiner Kompetenz verwechselt 

Eine Fähigkeit kann in vertrauten Situationen sicher funktionieren und unter neuen Bedingungen jedoch wieder bewusste Aufmerksamkeit erfordern. Behandle Phase 4 deshalb nicht als endgültigen Abschluss. Neue Gruppen, Themen oder Konfliktdynamiken können eine erneute Lernschleife auslösen. 

Praxisbeispiel: Kommunikation bewusst weiterentwickeln 

Eine Projektleiterin erhält das unerwartete Feedback, dass ihre Kommunikation im Team demotivierend wirkt. Zunächst kann sie diese Rückmeldung nicht nachvollziehen. Das Modell ordnet diese Situation der ersten Phase zu: Ihr ist die mögliche Kompetenzlücke oder Wirkung des eigenen Verhaltens noch nicht bewusst. 

Im Coaching wertet sie konkrete Situationen und Rückmeldungen aus. Dadurch erkennt sie, welche Wirkung ihr Kommunikationsstil auf andere haben kann. Sie befindet sich nun in der Phase der bewussten Inkompetenz. Anschließend trainiert sie Feedbacktechniken und setzt Ich-Botschaften sowie Feedforward gezielt ein. Die Anwendung gelingt, erfordert aber noch Aufmerksamkeit - ein Merkmal bewusster Kompetenz. 

Nach längerer Übung nutzt sie die Techniken zunehmend selbstverständlich. Dennoch überprüft sie ihre Wirkung weiterhin durch Rückmeldungen, denn routiniertes Verhalten ist nicht automatisch in jedem Kontext passend. 

Praxisbeispiel: Die eigene Moderationsentwicklung reflektieren 

Eine Moderatorin betrachtet die verschiedenen Fähigkeiten getrennt voneinander. In Konfliktsituationen merkt sie, dass sie noch üben muss, gelassen zu bleiben und nicht vorschnell zu vermitteln. Die Strukturierung von Workshops gelingt ihr dagegen bereits sehr gut. Durch das Feedback von Kolleg*innen erfährt sie außerdem, dass sie Stimmungen im Raum früh wahrnimmt, ohne sich dieser Fähigkeit bisher bewusst gewesen zu sein. 

Der Kommentar einer Kollegin – „Manchmal bist du so klar, dass ich mich nicht traue, dir zu widersprechen“ – weist auf eine mögliche blinde Stelle hin. Die Moderatorin wertet diese Rückmeldung nicht als Beweis für eine unbewusste Inkompetenz, sondern als Anlass für weitere Beobachtungen. Daraus entwickelt sie das Ziel, ihre Klarheit beizubehalten und zugleich sichtbarer zu Widerspruch und anderen Perspektiven einzuladen. 

Quelle und Einordnung 

Kruger, J. und Dunning, D. (1999): Unskilled and Unaware of It. Coyle, D. (2009): The Talent Code. Beide zitiert nach: Quirmbach, S. und Grab, S.: Business-Moderation, Manuskript ICS, Sprint 5: Transfer, Reflexion und Entwicklung in der Moderation, Abschnitt: Bewusste Kompetenzentwicklung als Lernmodell in der Moderation.